Pflegebranche im Wandel: Wie Dänemark den Fachkräftemangel erfolgreich bekämpft

In den letzten Jahren stand der Pflegebereich oft in der Kritik:

Schlechte Bezahlung, hohe Arbeitsbelastung und unattraktive Arbeitsbedingungen führten dazu, dass viele Stellen unbesetzt blieben. Doch in Dänemark hat sich die Situation innerhalb von nur zwei Jahren erheblich verbessert. Während Krankenhäuser früher 45 % ihrer Stellenausschreibungen erfolglos ließen, ist diese Zahl mittlerweile auf 14 % gesunken.

Aber wie hat Dänemark diesen Erfolg erzielt?

In diesem Artikel schauen wir auf die Ursachen des Pflegekräftemangels, die Lösungen, die Dänemark gefunden hat und wie diese sich auf die Pflegebranche in Deutschland adaptieren lässt.

Ursachen des Pflegekräftemangels: Ein europaweites Problem

Der Mangel an Pflegepersonal ist kein neues Phänomen – er ist die Folge langjähriger struktureller Versäumnisse. In vielen europäischen Ländern wurde jahrzehntelang an der Effizienzschraube gedreht, oft auf Kosten der Beschäftigten.

Arbeitsverdichtung, geringe Löhne und schlechte Aufstiegschancen haben dazu geführt, dass viele Pflegekräfte ihren Beruf aufgegeben oder auf Teilzeit reduziert haben.

Demografischer Wandel verschärft die Situation

Gleichzeitig führt der demografische Wandel dazu, dass immer mehr Menschen pflegebedürftig werden. Während die Nachfrage nach professioneller Pflege steigt, geht das Angebot an qualifizierten Pflegekräften zurück.

Dieser Missstand führt nicht nur zu Belastungen im Pflegealltag, sondern gefährdet auch langfristig die Versorgungssicherheit.

Wie Dänemark die Kehrtwende geschafft hat

Dänemark stand 2021 vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland:

Tausende Pflegekräfte kündigten oder wechselten in andere Branchen. Doch anstatt weiter tatenlos zuzuschauen, reagierte die dänische Regierung gemeinsam mit Gewerkschaften und Arbeitgebern – mit einem klaren Maßnahmenpaket, das sowohl kurzfristig als auch nachhaltig wirken sollte.

Verbesserte Arbeitsbedingungen und höhere Löhne

Ein zentraler Faktor für die positive Entwicklung war die gezielte Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Gehälter. Nachdem dänische Pflegekräfte 2021 einen Tarifvertrag abgelehnt hatten, der ihnen nur eine minimale Lohnerhöhung zusicherte, reagierte die Regierung mit nachhaltigen Reformen. Die Löhne wurden erhöht, die Arbeitszeiten optimiert und neue Maßnahmen zur Entlastung des Pflegepersonals eingeführt.

  • Attraktivere Gehälter: Eine spürbare Erhöhung der Löhne motiviert nun mehr Pflegekräfte, im Beruf zu bleiben oder zurückzukehren.
  • Bessere Arbeitszeiten: Flexiblere Arbeitszeitmodelle reduzieren die hohe Belastung.
  • Gezielte Rekrutierung: Neue Kampagnen zur Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland helfen, den Personalmangel zu verringern.
  • Mehr Ausbildungsplätze: Die Anzahl der Studien- und Ausbildungsplätze im Pflegebereich wurde deutlich erhöht.

Mehr Einfluss auf die Schichtplanung

Ein oft unterschätzter Hebel war die Möglichkeit zur Mitgestaltung von Dienstplänen. Pflegekräfte erhielten mehr Selbstbestimmung bei der Einteilung ihrer Schichten – das führte zu höherer Arbeitszufriedenheit und sinkender Teilzeitquote. Immer mehr frisch ausgebildete Pflegekräfte arbeiten inzwischen wieder in Vollzeit.

Der Wendepunkt:
Bessere Gehälter und mehr Mitbestimmung

„Es ist uns tatsächlich gelungen, den Trend bei der Personalbeschaffung umzukehren. Uns geht es heute viel besser als noch vor ein paar Jahren“, erklärt Dorthe Boe Danbjørg, Vorsitzende des dänischen Pflegeverbands DSR. Für sie liegt der Schlüssel zum Erfolg in der engen Zusammenarbeit zwischen Politik, Arbeitgebern und Pflegekräften selbst.

Trilaterales Abkommen als Grundlage des Erfolgs

Ein Wendepunkt war das 2023 geschlossene Abkommen zwischen Staat, Regionen und Gewerkschaften, das unter anderem Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen festschrieb.

Auch Anders Kühnau, Vorsitzender der dänischen Regionen, betont:

„Das höhere Gehalt war ein wichtiger Hebel – aber ebenso entscheidend war es, die Pflegekräfte ernst zu nehmen und sie an Entscheidungen zu beteiligen.“

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Pflegekräftemangel in Deutschland

Der Pflegekräftemangel in Deutschland stellt eine erhebliche Herausforderung dar, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird.

Aktuellen Daten zufolge waren im Jahr 2023 knapp 1,8 Millionen Pflegekräfte in Deutschland erwerbstätig. Trotz eines Anstiegs um 24.000 Personen gegenüber 2022 reicht dieses Wachstum nicht aus, um den steigenden Bedarf zu decken. 

Aktuelle Zahlen und Prognosen

Prognosen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Bedarf an Pflegekräften bis zum Jahr 2049 um ein Drittel auf 2,15 Millionen ansteigen wird. Je nach Szenario könnte die Lücke zwischen Angebot und Bedarf bis dahin zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräften liegen. 

Ein weiterer besorgniserregender Aspekt ist die Altersstruktur der derzeitigen Pflegekräfte. 

In den nächsten zehn Jahren werden fast 250.000 Pflegekräfte das Rentenalter erreichen, was etwa 22 % des aktuellen Pflegepersonals entspricht. Dieser Verlust wird den bestehenden Fachkräftemangel weiter verschärfen. 

Die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich an. Seit 2017 liegt der jährliche Zuwachs im Durchschnitt bei 326.000 Personen. Im Jahr 2021 waren etwa 4,9 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig

Der Fachkräftemangel hat bereits konkrete Auswirkungen auf die Versorgung: Vier von fünf Pflegeeinrichtungen mussten 2023 ihr Angebot einschränken, und 89 % der ambulanten Dienste lehnten Neukunden ab. 

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind umfassende Maßnahmen erforderlich, darunter die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, eine attraktivere Vergütung, die Förderung der Ausbildung sowie die gezielte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland.

Was kann Deutschland daraus lernen?

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist nicht nur ein dänisches Problem – auch in Deutschland wird händeringend nach Lösungen gesucht. Die Erfolge Dänemarks zeigen, dass nachhaltige Veränderungen im Pflegebereich möglich sind, wenn Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam an Lösungen arbeiten. Die Schritte, die Dänemark gegangen ist, können auch hierzulande helfen, die Situation zu verbessern.

Mit politischem Willen, klarer Strategie und der Einbindung aller Beteiligten lässt sich der Fachkräftemangel in der Pflege wirksam bekämpfen. Deutschland kann viel daraus lernen – doch es braucht Mut, Veränderungsbereitschaft und konkrete Maßnahmen.

Denn gute Pflege ist keine Frage des Glücks, sondern der Prioritäten.